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Ausgabe 2013/2

Urbanes Gärtnern

Von Silja Hund
Das Urbane Gärtnern, oft auch „Ur­ban Gardening” genannt, genießt seit den letzten Jahren viel Aufmerksamkeit in Deutschland, aber auch international.
Auf momentan ungenutzten städtischen Flächen entstehen Nachbar­schaftsgärten, 
HobbygärtnerInnen ziehen Tomaten und Salate auf ihren Balkonen. Junge Unternehmer-
Innen kultivieren Ge­müse- und Obstgärten innerhalb der Stadt und vermarkten die 
Produkte an ihre Mit­bürgerInnen. Die Freude am Gärtnern, ein wachsendes Bewusstsein für ökologische, ökonomische und soziale Nachhaltigkeit sowie der Wunsch, einen größeren Bezug zur eigenen Nahrung zu bekommen, spie­len bei dem Anstieg der urbanen Garten­projekte eine entscheidende Rolle. 
Doch die urbane Nahrungsmittelproduk­tion ist keine Neuheit. Seit Beginn des Städtebaus sind urbane Ballungszentren unmittelbar mit der Landwirtschaft ver­bunden. Die Nahrungsmittelversorgung der Stadt konnte insbesondere in Zeiten vor kühlendem Lagern und schnellen Trans­portmöglichkeiten nur durch Landwirt­schaft in direkter Umgebung der Stadt, bzw. oft auch in ausgewiesenen Vierteln innerhalb der Stadt, sichergestellt werden. Insbesondere in Zeiten wirtschaftlicher Notlagen wurden StadtbewohnerInnen zum Gartenbau ermutigt, um ihre Ernäh­rung sicherzustellen. Dies führte beispiels­weise zur Entstehung von Kleingärten (oder Schrebergärten) in Deutschland während des Ersten und Zweiten Weltkrie­ges. Auch in den USA und in Kanada wur­den die Menschen während der Kriege zum Gärtnern aufgefordert und die sogenann­ten „Victory Gardens” entstanden. 
Die Kleingärten haben sich seit ihrer Ent­stehung weiter in den deutschen Städten etabliert. Aber der Urban­Gardening­Trend der letzten Jahre beschränkt sich nicht nur auf Kleingartenanlagen, sondern breitet sich immer weiter in die Innenstädte aus.
Die Begriffe zur Beschreibung sind vielfäl­tig; sie alle bezeichnen den Anbau von Gemüse, Obst und anderen Nahrungsmit­teln im städtischen Raum, im Gegensatz zum ländlichen Raum. So werden unter anderem Ausdrücke wie Urban Gardening oder Urbanes/Städtisches Gärtnern (Gärt­nern für den Eigenbedarf), Urban Farming oder Urbane/Städtische Landwirtschaft (zur kommerziellen Vermarktung) und Urban Agriculture (Überbegriff des Urban Gardening und Urban Farming) verwen­det.
Die städtische Nahrungsmittelproduktion bietet viele Möglichkeiten für die Stadtbe­wohnerInnen, aber sie kann die ländliche Nahrungsmittelproduktion sicherlich nicht ersetzen, sondern nur ergänzen. Auch gibt es trotz der vielen positiven Aspekte einige Herausforderungen, die nicht vernachläs­sigt werden sollten. 
In unserem aktuellen Schwerpunkt des FORUMS stellen wir vier Artikel vor, die beispielhaft einige urbane Gartenprojekte beschreiben, Bedenken diskutieren sowie Ideen und Entwicklungspotentiale aufzeigen.
 
Schadstoffbelastung in der Stadt
Der erste Schwerpunktartikel greift eines der größten Bedenken gegenüber dem Urbanen Gärtnern auf: Die mögliche Schadstoffbelastung des städtischen Gemü­ses und Obstes. Stadtgemüse und ­obst ist oft hohen verkehrs­ und industriebeding­ten Emissionen sowie Schadstoffkonzentra­tionen in Boden und Wasser ausgesetzt, was Schadstoffanreicherungen im Gemüse und Obst verursachen kann. Ab Seite 20 diskutiert Ina Säumel von der Technischen Universität (TU) Berlin diese Thematik und präsentiert Ergebnisse einer wissenschaftli­chen Studie, in der die Schwermetallbelastung von Stadtgemüse und Stadtobst in Berlin untersucht und mit der Belastung von ländlichem Gemüse und Obst verglichen wurden. Jedoch bleibt es nicht nur bei dem Aufzeigen der Belastungen, sondern I. Säumel gibt anhand der Studienergebnisse Anre­gungen, wie die Schadstoffbelastung von städtischem Gemüse und Obst verringert werden könnte.

Vermittlung von Nachhaltigkeit
In unserem zweiten Schwerpunktar­tikel wird gezeigt, wie das Thema Urban Gardening zur Wissensver­mittlung von ökologischer, ökonomi­scher und sozialer Nachhaltigkeit genutzt werden kann. Andrea von Allwörden und Natalie Faßmann vom Leibniz Zentrum für Agrarland­schaftsforschung e.V. (ZALF) in Müncheberg berichten von ihrer Informationskampagne zum Wissen­schaftsjahr 2012 des Bundesministe­riums für Bildung und Forschung (BMBF). Im Rahmen der Kampagne haben sie ein Online­Flächenportal zur Vermittlung potentieller städti­scher Gartenflächen aufgebaut und mit verschiedensten Gartenbaupro­jekten eng zusammengearbeitet.
Hierbei standen die Wissensvermitt­lung und die Interaktion mit Stadt­bürgerInnen während Großveran­staltungen sowie bei der Beratung in konkreten Gartenprojekten im Vor­dergrund.

Urbane Landwirtschaft und Stadtklima
In der urbanen Landwirtschaft wird, im Gegensatz zum Urbanen Gärt­nern, auf größeren städtischen und stadtnahen Flächen Obst und Gemü­se zum Verkauf angepflanzt. Insbe­sondere diese größeren Anbauflä­chen können einen Einfluss auf das Stadtklima haben und potentiell den Wärmeinseleffekt der Stadt ab­schwächen. Jakob Köhler diskutiert ab Seite 30 die klimatischen Auswir­kungen der urbanen Landwirtschaft und geht außerdem auf ihre weite­ren Funktionen für die Stadtbewoh­nerInnen ein.


Ein Blick nach Nordamerika
Mit unserem vierten Schwerpunktar­tikel werfen wir einen Blick nach Nordamerika: S. Hund, M. Iverson,
E. Holmes und L. Thomas berichten von aktuellen Entwicklungen in der kanadischen Stadt Vancouver. Auch dort erfährt die sogenannte Urban Agriculture einen großen Zuwachs im Bereich der Gemeinschaftsgärten sowie im professionellen Gartenan­bau durch oft junge UnternehmerIn­nen. Im Artikel wird außerdem von der Integration der Urban Agriculture in das Stadtentwick­lungskonzept von Vancouver berich­tet, beispielshaft von einigen Gar­tenprojekten erzählt und es werden Herausforderungen diskutiert, denen sich urbane GärtnerInnen stellen müssen.   In unserem neu eingerichteten Speakers’ Corner auf Seite 46 findet sich außerdem ein Kommen­tar von Astrid Gelaudemans, der sich mit dem Thema des Urbanen Gärt­nerns kritisch auseinandersetzt.
Wir wünschen viel Freude beim Lesen der Artikel und ermutigen euch, liebe Leserinnen und Leser, im Speakers’ Corner eure Meinung kundzutun und euch an der Diskus­sion zu beteiligen.

Inhalt

Ausgabe 2013/2

VGöD-Intern
Bericht von der Klausurtagung ............................. 2
Geoökologie­Film ................................................. 3
Einladung zur Jahrestagung .................................. 6
Ergebnisse der LeserInnen­Umfrage ........................ 9
Interview Mentoring­Programm ............................. 13
Kurzmitteilungen ............................................... 16


Schwerpunkt: Urbanes Gärtnern
Einführung
Von Silja Hund ................................................... 18
Wie gesund ist die „Essbare Stadt“?
Von Ina Säumel .................................................. 20
Pflanze sucht Nachbarn
Von Andrea von Allwörden und Natalie Faßmann ..... 25
Zurück in die Zukunft – urbane Landwirtschaft als essentieller Bestandteil für eine klimagerechte Stadt
Von Jakob Köhler ............................................... 30
The Urban Agriculture Movement in Vancouver, Canada
Von Silja Hund et al. ........................................... 35


Geoökologie
Umweltnaturwissenschaftliche  Studiengänge neben der Geoökologie
Master „Umweltsysteme und Ressour­cenmanagement“, Osnabrück ..................... 40
Master „Umwelt & Bildung“ an der Universität Rostock ............ 42
Abschied Prof. Burger ....................................................................................43
Nachrichten ................................................................................................ 44

Neues aus der Forschung
Paläoumweltbedingungen in Mittel­-Java .................... 48
Windenergie in Nordwest­Sachsen............................. 51

Forschungseinrichtungen
Ecologic Institut .................................................... 57
Max­Planck­Institut für Biogeochemie ......................... 57

Sonstige Rubriken
Editorial ................................................................. 1
Impressum .............................................................. 1
Neu: Speakers‘ Corner ............................................ 45
Rezensionen .......................................................... 59
Termine ................................................................ 62
Mitglied werden ........................................... Umschlag

Gesamtausgabe 1/2014 zum Herunterladen nur für Mitglieder

Inhalt

Ausgabe 2017/2
VGöD - Intern
  • Neues aus Forschung und Praxis
  • Rückblick auf die Jahreshauptversammlung
  • Kurzmitteilungen
  • Nutzung der VGöD-Homepage
Schwerpunkt: Jahrestagung 2013 - Energiewende
  • Herausforderung  Energiewende - von Stefan Reuschel
  • Geothermie - von  Dr. Jörg Danzer und Dr. Rainer Klein
  • Solarenergie - von Jörg Sutter
  • Online-Prognosen von Bernd Kratz
  • Regionale Wertschöpfung von Katharina Heinbach
  • Politische Rahmenbedingung von Dr. Markus Groth
  • Exkursionen von Sophie Spille und Arno Buchholz
Geoökologie
  • GeoökologInnen erzählen
  • Masterstudierende berichten - Interview mit Hanna Hartmann
  • Schattenseite der erneuerbaren Energien: Maisanbau in Brandenburg
  • Ermittlung der Schiffsdynamik von   
    Seeschiffen mit Computersimulationen
  • Master „Umweltplanung“  Hannover
  • Schutz der Vogelwelt bei Windparkplanungen
Forschungseinrichtungen
  • Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR)
  • Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie
Kolumne
  • Bioenergieregion  Bayreuth: Ziele, Themen, Projekte von Bernd Rothammel

Schwerpunkt: Energiewende

Herausforderung  Energiewende
Energiewende – nicht unbedingt ein Thema, bei dem man den unmittelbaren Bezug zur Geoökologie vermutet. Doch das interdisziplinäre Studium ermöglicht es GeoökologInnen, ihren Beitrag zu diesem aktuellen Thema zu leisten. Viele arbeiten inzwischen in Bereichen, die – direkt oder indirekt, in Forschung oder Praxis – mit der Energiewende zu tun haben. Warum beispielsweise beeinträchtigen Windkraftanlagen den Grundwasserhaushalt und wie kann man mit Kühlhäusern die Nutzung regenerativer Energie fördern? Hier ist es notwendig, einmal mehr „um die Ecke" und fächerübergreifend zu den-
ken.
Von Stefan Reuschel, Kassel

Regenerative Energien und Energiewende sind nun seit langer Zeit vertraute Begriffe. Nicht erst seit
der Reaktorkatastrophe in Fukushima und dem in der Folge ad hoc von der Bundesregierung verkündeten Atomausstieg sind
diese Themen im öffentlichen Bewusstsein angekommen. Gerade in den Wochen vor und nach unserer VGöD-Jahrestagung hat die Diskussion um die Energiewende jedoch noch einmal richtig Fahrt aufgenommen. Die Reform des Erneuerbare Energien- Gesetzes (EEG) zur Senkung hoher Endverbraucher-Stromkosten, welche in starkem Kontrast zu niedrigen Börsenpreisen für elektrische Energie und den Vergünstigungen für Industriebetriebe stehen, Bürgerinitiativen zur Verhinderung von Windkraftanlagen im Umfeld von Siedlungsgebieten, Klimaschutzziele und Emissionszertifikatehandel als (Nicht-) Steuerungsfaktoren für die deutsche Energieerzeugung… Dies sind nur einige der Themen, die Gräben quer durch alle Bevölkerungsschichten und Parteien ziehen. Als wir das Tagungsthema vor gut einem Jahr festlegten, war dessen ungebremste, sogar deutlich zunehmende Aktualität zum Ende des Jahres 2013 noch nicht absehbar. Umso mehr haben wir uns gefreut, eine ganze Reihe von kompetenten ReferentIn- nen unterschiedlicher Fachrichtungen als Vortragende zu
gewinnen. So konnten wir in Bayreuth ein breit gefächertes Programm mit spannenden Vorträgen zu dieser komplexen Thematik bieten, das die fachlichen Herausforderungen, aber auch widersprüchliche Interessenlagen und nicht wenige Absurditäten veranschaulich- te. Um das Themenspektrum zumindest in Ansätzen abzudecken, entschlossen wir uns, elf Vorträge in zwei parallelen Sessions unterzubringen. So konnten sich die Teilnehmenden immer wieder zwischen zwei
interessanten Themen entscheiden. Darüber hinaus blieb viel Raum für Austausch und Diskussion, nicht zuletzt bei den traditionellen Exkursionen am Sonntagvormittag.


In diesem Schwerpunkt möchten wir unseren Mitgliedern nun noch einmal sechs der Vorträge und zwei der Exkursionen zum Nachlesen anbieten:
Bioenergie
Der Diplom-Geoökologe Bernd Rothammel stellt die
Bioenergie-Modellregion Bayreuth vor und zeigt auf, welche positiven Effekte für Arbeitsplätze, Wertschöpfungsketten und die Förderung innovativer Technologien damit verbunden sind.
Geothermie
Dr. Jörg Danzer ist als Diplom-Geoökologe und Geschäftsführer der Firma _boden & grundwasser~
im Consulting-Bereich aktiv. In ihrem Artikel geben Dr. Jörg Danzer und Dr. Rainer Klein einen Überblick über die Geothermie und illustrieren Verfahren zur Dimensionierung sowie die Einsatzmöglichkeiten von Erdwärmesondenanlagen.
Solarenergie
Auf dem Gebiet der Solarenergieerzeugung ist Diplom-Physiker Jörg Sutter mit seiner Firma Energo Solar GmbH tätig. In seinem Artikel behandelt er, welche Rahmenbedingungen derzeit die Solarstromerzeugung steuern, welche Perspektiven diese Form der Energieerzeugung hat und warum Solarenergie auch in Deutschland ein Zukunftsmodell ist.
Online-Prognosen
Welche beeindruckende zeitliche und räumliche Auflösung heute bei Prognosen für die Direktvermarktung von Wind- und Solarstrom zur Verfügung stehen sowie die sich daraus ergebenden Handlungspotentiale beleuchtet Bernd Kratz, Geschäftsführer der Firma Enercast GmbH in Kassel in seinem Beitrag.
Regionale Wertschöpfung
Die Diplom-Geoökologin Katharina Heinbach vom Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) in Berlin erläutert in Ihrem Artikel die ökonomische Wertschöpfung durch erneuerbare Energien und beschreibt ein effektives Modell für deren  Quantifizierung.
Politische Rahmenbedingungen
Dr. Markus Groth ist Senior Wissenschaftler der Abteilung Ökonomie und Politik am Climate Service Center (CSC) des Helmholtz-Zentrums Geesthacht. Er stellt politische Rahmenbedingungen und
Zusammenhänge vor, die über Erfolg beziehungsweise Misserfolg der Energiewende in Deutschland entscheiden können und zeigt Handlungsbedarf sowie verschiedene Lösungsansätze auf.
Exkursionen
Die Geoökologie-Studierenden Sophie Spille und Arno Buchholz berichten über zwei der drei Exkursionen, die die VGöD-
Jahrestagung abgerundet haben.

Bioenergieregion  Bayreuth:
Ziele, Themen, Projekte

Die Region Bayreuth hat sich im Jahr 2008 im Rahmen des vom Bundeslandwirtschaftsministerium
ausgeschriebenen Wettbewerbes „Bioenergieregionen“ als eine von 25 Bioenergie-Modellregionen
qualifiziert und erhält seitdem Fördermittel zur Umsetzung ihres regionalen Bioenergie-
Entwicklungskonzeptes. Mithilfe des Wettbewerbs soll der Ausbau des Wirtschaftszweiges Bioenergie
in Deutschland unterstützt und vorangetrieben werden. Ziel ist es, vorhandene Potenziale für die re-
gionale Wertschöpfung zu mobilisieren und neue Arbeitsplätze zu schaffen. Es gilt, innovative Kon-
zepte und Technologien umzusetzen, um langfristig zu mehr Eigenständigkeit bei Erzeugung und
Einsatz von Bioenergie zu gelangen. Regionale Netzwerk- und Kooperationsstrukturen sollen ausge-
baut und Wertschöpfungsketten erschlossen werden.

Von Bernd Rothammel, Bayreuth

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