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Ausgabe 2012/2

Umweltkommunikation

Umweltkommunikation
Argumentieren, Spielen und Agieren für Natur- und Umweltschutz

„Man kann nicht nicht kommunizieren!“ Das wissen wir spätestens, seit der österreichische Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick formulierte, dass jegliches Verhalten, jede zwischenmenschliche Interaktion kommunikativ ist, dass also auch die Weigerung zur Kommunikation eine Aussage beinhal- tet. Für jeden, der etwas vermitteln will, steht aber nicht das Ob, sondern das Wie im Vordergrund. Wie wird Schülern neues Wissen nahegebracht? Wie können fachliche Inhalte einem breiten Publikum zugänglich gemacht wer- den? Wie kann eine Gesellschaft ihre Anliegen an die Politik herantragen?

Von Sonja Knapp, Halle (Saale)

Kommunikation ist ein wesentlicher Bestandteil jeglichen Umweltschut- zes, denn alle Ideen und Fortschritte, von der Postwachstumsgesellschaft bis zum Ressourcenschutz, der Energiewende oder dem Schutz der biologischen Vielfalt benötigen für ihre Umsetzung mehr als Wissen und Technik. Sie benötigen Men- schen, die an der Umsetzung dieser Ideen und Ziele arbeiten und die andere vom Sinn und von der Bedeutung ihres Han- delns überzeugen.
Wie also funktioniert erfolgreiche Um- weltkommunikation? Darauf gibt es keine pauschale Antwort, denn Umweltkommu- nikation umfasst nicht nur eine große Themenbreite, sie umfasst auch alle Ebe- nen der Gesellschaft. Sie endet nicht mit der Schule, sondern muss gerade auch in der Welt der Entscheidungsträger präsent sein, ob es sich um Erziehende, Konsu- menten, Firmenleiter oder Politikerinnen handelt.
Der aktuelle Schwerpunkt des FORUM der Geoökologie greift aus dem weiten Feld der Umweltkommunikation Beispiele her- aus, die wichtige Bausteine nachhaltiger Entwicklung beleuchten: die Umweltbildung bzw. Bildung für nachhaltige Ent- wicklung (BNE), die Vermittlung natur- schutz-relevanter Inhalte an die Gesellschaft sowie die Kommunikation wissenschaftlicher Erkenntnisse an politische Entscheidungsträger.
Den Schwerpunkt eröffnet ein gemeinsamer Beitrag des VGöD und der Arbeitsgemeinschaft Natur- und Umweltbildung, Landesverband Bayern e.V. (ANU Bayern e.V., [1]), der die Entwicklung der Um- weltbildung zur Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) aufzeigt (S. 12). Die Bildung für nachhaltige Entwicklung [2] vermittelt Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen nachhaltiges Denken und Handeln. Sie versetzt Menschen in die Lage, Entscheidungen für die Zukunft zu treffen und dabei abzuschätzen, wie sich das ei- gene Handeln auf künftige Generationen oder das Leben in anderen Weltregionen auswirkt.
Getreu dem Gedanken der Agenda 21 „Global denken, lokal handeln“ greift der aktuelle Schwerpunkt im Anschluss ein Beispiel der Umweltbildung/BNE heraus, das von der BUNDjugend und der Jugend der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) getragene Projekt „WASsERLEB- NIS“, vorgestellt von Larissa Donges (S. 19). WASsERLEBNIS nutzt moderne Techniken und die Affinität vieler Jugendlicher zum Digitalen, um für sie Natur erlebbar zu machen: Mit GPS-Geräten erkunden Jugendliche beim Geo-Cachen (vgl. FORUM der Geoökologie 1/2012) Bildungsrouten, an denen sie Neues über Wasser und Nachhaltigkeit lernen. Mediale Ansätze – die Nutzung moderner Tech- nologien für die Umweltbildung/ BNE – finden immer weitere Verbreitung. So entwirft beispielsweise EUROPARC Deutschland e.V., der Dachverband der Nationalparks, UNESCO-Biosphärenreservate und Naturparks in Deutschland [4], Lernspiele, d.h. Computerspiele, in denen sich die Spieler in Nationalpark-Ranger verwandeln können („Junior Ranger“, [5]). Wie das hier vorgestellte Projekt „WASsERLEB- NIS“ ermöglichen es solche Herangehensweisen, auch natur- und bildungsferne Gruppen an die Natur heranzuführen und Appetit auf direktes Erleben und Erkunden der Natur zu machen [persönliche Mitteilung Gudrun Batek, EUROPARC Deutschland].

Ein Beispiel für Umweltbildung, die sich nicht spezifisch an Kinder und Jugendliche, sondern an Erwachsene (und damit indirekt auch an deren Kinder) wendet, stellt Corinna Höl- zer von GreenMediaNet, dem Me- dienbüro für ökologisch tragfähige Entwicklungen, ab S. 23 vor: „Berlin summt! Summen Sie mit?“ nutzt die allerorten bekannte Honigbiene, um Bürgerinnen und Bürger für die Bedeutung der biologischen Vielfalt und die Bedrohung der Wildbienen zu sensibilisieren. Der Schutz der Umwelt und damit auch der Schutz der biologischen Vielfalt sind zwar vielen Menschen in Deutschland ein wichtiges Anliegen; den Schritt vom Umweltbewusstsein zum umwelt- freundlichen Handeln haben viele dennoch nicht vollzogen [6]. Berlin summt! initiiert konkrete Projekte mit der Honigbiene und bietet Stadtbewohnern darüber die Mög- lichkeit, sich den oft problembehafteten Begriffen „Umwelt-/Natur- schutz“ und „Biodiversität“ über positive Zugänge, z.B. Gartenwettbewerbe und prominent platzierte Bienenstöcke, zu nähern.

Die Gesellschaft nicht nur theoretisch für den Schutz der Umwelt zu gewinnen, sondern auch die Brücke zum persönlichen Handeln zu schlagen, z.B. durch bienengerechte Gartengestaltung, das können Projekte wie Berlin summt! leisten. Gesellschaftliches Handeln darf aber auf dem Weg zu einer nachhaltigen, ressourcenschonenden Welt nicht alleine bleiben. Die Politik muss diesen Weg durch die Setzung entsprechender Rahmenbedingungen fördern. Sie ist wiederum bei der Gestaltung einer umweltgerechten und nachhaltigen Gesetzgebung auf Informationen aus der Wissenschaft angewiesen. Ein gelungenes Beispiel dafür, wie wissenschaftliche Er- kenntnisse den Weg in die Gesetz- gebung finden und so in praktischen Umweltschutz münden können, ist das Montrealer Protokoll zum Schutz der Ozonschicht, das den Rückgang der weltweiten Produkti- on Ozon abbauender Stoffe um 95% seit 1987 zur Folge hatte [7]. Nun erleichtert die Kenntnis über klare physikalisch-chemische Zusammenhänge wie im beschriebenen Fall die Ergreifung entsprechender Maßnahmen. Andere Zusammenhänge sind dagegen deutlich komplexer und somit auch schwieriger zu kommunizieren. Hier kommt der aktuelle Schwerpunkt auf die biologische Vielfalt zurück, die unsere Lebensgrundlage darstellt und aufgrund verschiedener Einflüsse stark im Abnehmen begriffen ist – z.B. durch Urbanisierung und den damit verbundenen Verlust an natürlichen Lebensräumen, durch intensive, von Monokulturen und einem hohen Einsatz an Düngemitteln und Pestiziden geprägte Landwirtschaft oder durch den Klimawandel. Die Wissenschaft kann die Zusammenhänge zwischen diesen Triebkräften und dem Verlust der biologischen Vielfalt identifizieren und quantifizieren; es genügt aber nicht, das gewonnene Wissen in Fachartikeln zu fassen und damit weitgehend in der wissenschaftlichen Community zu belassen. Wissenschaftler/-innen können und müssen auch daran arbeiten, ihre Erkenntnisse in nationale und internationale Regelungen einzubringen. Wie das funktionieren kann, zeigen Rosemarie Neumann und Kollegen im vierten Beitrag dieses Schwerpunktes (S. 27) am Beispiel der „Zwischenstaatlichen Wissenschafts-Politik-Plattform  zu Biodiversität und Ökosystemdienst- leistungen“ (Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services, IPBES) und des „Netzwerk-Forums zur Biodiversitätsforschung Deutschland“ (NeFo [8]).

Es ist klar, dass dieser Schwerpunkt bei Weitem nicht alle Instrumente der Natur- und Umweltbildung/ BNE, nicht alle Initiativen im Be- reich der Umweltkommunikation vorstellen kann – es gibt eine Vielfalt verschiedener Ansätze, beispielsweise die Kinder-Uni [9], die Langen Nächte der Wissenschaft, Citizen- Science Projekte, die zum Mitforschen einladen, klassische Naturlehrpfade und vieles mehr. Und so dürfen die interessierte Leserin und der neugierige Leser die beschriebenen Projekte auch als Anregung zum Weiterlesen und zum Mitmachen begreifen – denn kommunizieren können wir alle!

Weiterführende Links:

[1] Arbeitsgemeinschaft Natur- und Umweltbildung, Landesverband Bayern e.V.: www.umweltbildung-bayern.de
[2] Bildung für nachhaltige Entwick- lung: www.bne-portal.de
[3] Der Report der Brundtland- Kommission ist z.B. auf www.un-documents.net/wced- ocf.htm einsehbar.
[4] EUROPARC Deutschland e.V.: www.europarc-deutschland.de
[5] Junior Ranger: www.junior-ranger.de
[6] Informationen der Bundeszent- rale für politische Bildung zu Um- weltbewusstsein und Umweltverhal- ten:  www.bpb.de/izpb/8971/ umweltbewusstsein-und- umweltverhalten
[7] Ozone Secretariat United Na- tions Environmental Programme (2009): Handbook for the Montreal Protocol on Substances that Deplete the Ozone Layer, 8th Edition. http://ozone.unep.org/Publications/ MP_Handbook/MP-Handbook- 2009.pdf
[8] Netzwerk-Forum zur Biodiversi- tätsforschung Deutschland: www.biodiversity.de
[9] Die Kinder-Uni: www.die- kinder-uni.de

Inhalt

Ausgabe 2012/2

VGöD-Intern
Gründung des Berufsverbandes Umweltwissenschaften    3
Rückblick Klausurtagung    4
Kurzmitteilungen aus dem VGöD    5
Einladung zur Jahreshauptversammlung    7
Einladung zur Jahrestagung in Tübingen    8

Neues aus der Forschung
Heilendes Wasser!? Was geschieht mit Arzneimittelrückständen?    43
Ökologische und nachhaltige Zuschlagstoffe für Extremstandorte    48
Das Bioenergiepotenzial des Biosphärengebietes Schwäbische Alb    52

Schwerpunkt: Umweltkommunikation
Einführung Von Sonja Knapp    10
Bildung für nachhaltige Entwicklung, das Bildungskonzept der Zukunft Von Marion Loewenfeld und Ulrike Sturm-Hentschel    12
Cache it blue! WASsERLEBNIS – Das GPS-Umweltbildungsprojekt Von Larissa Donges    19
Berlin summt! Mit der Biene als Botschafterin zu mehr Stadtnatur Von Corinna Hölzer    23
Kommunikation an der Schnittstelle von Wissenschaft und Politik Von Rosmarie Katrin Neumann et al.    27

Geoökologie
Biochar – Wundermittel oder Beelzebub?    31
Braunschweig – Umweltbildung in Rumänien    33
BuFaTa und Lokalreferententreffen in Freiberg    35
Geo meet Geo    38
Umweltnaturwissenschaftliche  Studiengänge neben der Geoökologie: M.Sc. Umweltwissenschaft und Naturschutz, Hildesheim    39
Geoökologen/innen auf einer Meteorologentagung    41

Rezensionen
Wohlstand ohne Wachstum    53
Suffizienz: Die Konsumgesellschaft in der ökologischen Krise    55

Sonstige Rubriken
Editorial 2
Impressum 2
Termine    56
Mitglied werden 9

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